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04/01/2024

DER SCHWAMMMENSCH

DER SCHWAMMMENSCH

Der Schwammmensch saugt alles auf.

Wenn er einen Raum betritt, nimmt er unwillkürlich jedes Detail der Einrichtung wahr, es fällt ihm auf, dass die Sonne durch das Fenster scheint, also zieht er den Vorhang beiseite, er bemerkt, dass die Zimmerpflanze umgedreht wurde, oder dass ein Riss sich durch die Lehne des Stuhls schlängelt.
In der Natur ist er der Erste, der das rotzige Eichhörnchen bemerkt, das von Ast zu Ast springt, die Muschelschale zwischen den Kieselsteinen versteckt, die Geigenwolke am Himmel.

Der Schwammmensch ist nicht oberflächlich, alles dringt tief in ihn ein.
Der Schwammmensch schaut keine gewaltsamen Filme, der Gedanke an Horror lässt ihm die Schwammhaut hochziehen, im Gegensatz zu vielen anderen genießt er keine Dokumentationen über Serienmörder zum Frühstücksmüsli, oft wird ihm sogar von den Nachrichten übel.
Der Schwammmensch hört aufmerksam und mit vollem Herzen zu, wenn andere Probleme haben, dann nimmt er sie mit nach Hause und während der andere durch das Ausplaudern erleichtert wird, wälzt er sich wegen dieser Dinge im Bett.
Der Schwammmensch ist tief empfindsam, als ob ein Herz seinen ganzen Schwammkörper ausfüllen würde, um all die Dinge darin unterzubringen, wie die Erinnerung an den lahmen Hund, den er mit fünf Jahren gesehen und so sehr bemitleidet hat.
Der Schwammmensch bemerkt den Unterschied zwischen das Antwort “gut” und “gut” auf die Frage “Wie geht es dir?”, weil er empfindlicher ist für Veränderungen in Tonfall und Körpersprache.

Der Schwammmensch wird von zu starken Reizen gestört, vom Geruch der Kanalisation, der durch den Abfluss hochkriecht, vom Sirenengeräusch vor dem Fenster, vom ununterbrochenen Weinen der Kinder im Bus, denn sein Schwammkopf ist bereits voll genug. Tatsächlich sind für den Schwammmensch auch unbedeutende Reize beunruhigend, wie das monotone Summen der Klimaanlage, der unangenehme Duft eines Parfüms in einer Umkleidekabine, das hörbare Schlucken oder Atmen der Menschen (von Schmatzen gar nicht zu sprechen), oder sogar der ungewöhnliche Geschmack von Joghurt, den er seinem Begleiter erklärt, aber der versteht nicht, wovon er spricht.
Der Schwammmensch hingegen ist vom Kunst erfüllt. Er spürt den Rhythmus einer mitreißenden Musik in jeder Faser seines Wesens, ein Gemälde kann sein ganzes Inneres zum Leuchten bringen, ein feiner Geschmack kann seinen ganzen Schwammkörper erwärmen.
Der Schwammmensch fühlt sich von zu vielen Aufgaben, von dringenden Fristen eingeengt.
Der Schwammmensch braucht es, Dampf abzulassen, sich in einem dunklen Raum auszuruhen oder zumindest für ein paar Minuten vor der Gesellschaft ins Badezimmer zu flüchten, um seine Gedanken zu ordnen und sein überfülltes Gehirn zu beruhigen.

Wenn der Schwammmensch in einer Entscheidungssituation ist, führt er Voruntersuchungen durch, saugt alle Informationen auf, dann spielt er Millionen von Varianten, mögliche Lösungen in seinem Schwammkopf durch, er überlegt bis ins Unendliche, aber am Ende trifft er die richtige Entscheidung.
Die Schwammmenschen sind hervorragende Problemlöser, manchmal bringen sie sich jedoch selbst mit der Suche nach der optimalen Lösung zur Verzweiflung.
Der Schwammmensch ist gewissenhaft, er hält sich an die Regeln, auch wenn niemand zuschaut.
Der Schwammmensch braucht Schlaf, oft mehr als Nicht-Schwammmenschen, wenn er müde ist, bringt er nicht seine beste Leistung. Aber dennoch lassen ihn manchmal in der Nacht die hin und her wogenden Gedanken nicht zur Ruhe kommen.

Der Schwammmensch sucht nach dem Sinn seines Lebens, dem Schöpfer der Welt, er dürstet nach mehr als dem, was sichtbar ist.
Der Verstand des Schwammmenschen ist wie eine komplexe Maschine, ein bunte Märchenbuch, ein verknoteter Faden, das unendliche Universum und das alles gleichzeitig. In seinem Kopf spielt ein fertiges Theaterstück, darin gibt es ganze Welten, Geschichten, Charaktere, es ist kein Wunder, dass die äußere Welt für ihn manchmal weniger interessant ist.
Der Schwammmensch erschrickt leicht, sein Schwammherz bleibt bei plötzlichen Geräuschen oder Berührungen für einen Moment stehen.
Der Schwammmensch fühlt den Schmerz - wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugt - im ganzen Körper, dann überwältigt ihn alles, dann er kann sich nicht auf etwas anderes konzentrieren als auf das Stechen.

Wenn der Schwammmensch hungrig ist, dann hungert er so sehr, dass alles andere daneben verblassen würde, denn der Schwammkörper reagiert empfindlich auf Schwankungen im Blutzuckerspiegel, und auch Koffein oder Alkohol schlagen schneller bei einem Schwamm ein.
Und ja, wenn ihm kalt ist, dann wird er FRIEREN, wenn ihm heiß ist, dann wird er sich komplett AUFSCHMELZEN.
Deswegen mag der Schwammmensch keine juckenden, groben Stoffe auf seiner weichen Haut, er trägt nur schwer ein feuchtes Shirt, das an seinem Rücken klebt, verschwitzte Socken oder zu enge, beklemmende Kleidungsstücke. Der Schwammmensch schneidet das Etikett aus seinem Shirt heraus, sonst würde es ihn den ganzen Tag über kitzeln.
Der Schwammmensch erträgt es nur schwer, wenn man ihm sagt, dass er kein guter Schwamm ist, dass er seine Arbeit fehlerhaft macht. Dann kann es Tage dauern, bis er sein Schwamm-Selbstvertrauen wieder aufbaut.
Der Schwammmensch ist neugierig auf die Funktionsweise der Welt, er will wissen, woraus phosphoreszierende Farben hergestellt werden, wie magnetische E-Reader funktionieren, welche Farbe die Haut eines schwarzen Hahns hat, oder ob jeder Storch im Frühling in dieselbe Straße zurückkehrt, aus der er im Herbst weggezogen ist.
Die Schwammmenschen sind oft die kreativsten Exemplare der Menschheit, es strömen Hunderte von Ideen aus ihnen heraus, sie können die Grautöne in Farben, die verbrauchte Luft in Düfte, die düstere Stille in Musik verwandeln, die Leere in Erfüllung verwandeln.
Der Schwammmensch staunt über die alltäglichen Kleinigkeiten, sei es ein herzförmiger Taubenschiss auf dem Bürgersteig, an dem andere vorbeigehen.
Der Schwammmensch ist unendlich konfliktscheu, er passt sich lieber an, auch wenn die neue Position für ihn unbequem ist. Man sagt dem Schwammmenschen, er sei schlaff, schwach oder zu weich, nur weil er kein Stahl ist.

Wenn der Schwammmensch seine Triebe nicht beschneidet, dann strahlt er wie eine grüne Oase, indem er viele bunte, duftende Blumen abgibt - zur Freude der Welt.

“Der Schwamm-Mensch” - Originaltext von Harka Sára, übersetzt und adaptiert von Gábor Paranai.
          Harka Sára, Schriftstellerin und Dichterin, ist hier zu finden: https://sara.harka.com/

Admin - 15:08:38 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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